Augusto Giacometti
Chorfenster
ab 1933

Augusto Giacometti
mittleres Chorfenster
ab 1933

Die Kirchenfenster des Grossmünsters

(Kellner/Röttinger, Giacometti)

Ob es im Mittelalter künstlerisch gestaltete Kirchenfenster im Grossmünster gegeben hat, darf als fraglich gelten. Weniges nur spricht dafür, und dass es so wenig ist, könnte dagegen sprechen. Die Quellen sind nicht aussagekräftig genug. So beginnt die gesicherte Geschichte der Kirchenfenster erst Mitte des 19. Jahrhunderts, als im Zuge eines grösseren Kirchenumbaus ein „Verein für den Grossmünster“ Geld für die Chorfenster zu sammeln begann. 1852 wurde der heute weitgehend vergessene Nürnberger Spätnazarener Georg Konrad Kellner (1811–1892) mit der Fertigung von Entwürfen beauftragt, die Ausführung übertrug man dem Zürcher Glasmaler Johann Jakob Röttinger (1817–1877).


In ihrer ursprünglichen Form sind die drei Chorfenster von Kellner nur noch auf älteren Fotografien überliefert: In der Mitte der hohen Fenster waren die Figuren von Petrus (links), Paulus (rechts) und Christus (im Zentrum) platziert. Unten und oben ergänzten neugotische Säulen-, Bogen- und Baldachin-Motive mit reichem Masswerk die Darstellungen. Im Stil waren die Fenster typische Kinder ihrer Zeit – historistisch, mit Anlehnungen an die Gotik, die Renaissance, namentlich Dürer stand Pate.


Wie schnell sich die Zeit änderte und dass sie nicht zu Gunsten der Fenster von Kellner und Röttinger lief, zeigte sich 1913, nur  60 Jahre nach ihrer Erstellung: Anlässlich einer grösseren Innenrenovation wurden sie als „aus einer unkünstlerischen Zeit stammend, als unschön und verfehlt“ bezeichnet. 1926 stellte man fest, dass die Fenster „von allen Kunstsachverständigen als sehr mittelmässige Arbeit“ betrachtet würden. Die Kirchenpflege Grossmünster begann ihre Ersetzung durch Fenster von Augusto Giacometti (1877–1947) zu planen. 1928 erarbeitete Giacometti erste Entwürfe; 1930 war die Finanzierung gesichert; 1931/32 nahm der Künstler auf Ersuchen der Kirchenpflege Änderungen an den Cartons vor. 1932/33 wurden die Fenster beim Glasmaler Ludwig Jäger in St. Gallen gefertigt und im Mai 1933 eingesetzt.


Giacomettis Werk fasst die drei Fenster-Flächen zu einer Szene zusammen – zu einem Weihnachtsbild, genauer gesagt: zur Anbetung der Könige. Das mittlere Fenster zeigt Maria mit dem am Boden liegenden Christuskind; im linken und rechten Fenster sind zwei der drei heiligen Könige zu sehen (der dritte fehlt wohl aus Gründen der Symmetrie). Über Maria wächst der Lebensbaum, und ein Reigen von Engeln, die dem Christuskind Gaben bringen, schliesst sich über alle drei Fenster nach oben an. Das ganze Werk besticht durch die grosse Strahlkraft der Farben. Fast edelsteinartig leuchten tiefes Blau und Rot aus dem dunklen Hintergrund. – Giacometti ist in dieser Arbeit wohl einer der überzeugendsten Beiträge der jüngeren Kirchenfenster-Kunst in der Schweiz gelungen.
Die Glasfenster von Kellner und Röttinger, die Giacomettis Werk weichen mussten, fanden in fragmentarischer Form in der Kirche wieder einen Platz. Bereits 1929 trat der Präsident des „Vereins zur Erhaltung von Kunstdenkmälern“ an die Kirchenpflege mit der Bitte heran, die alten Fenster „nicht der Zerstörung anheimfallen“ zu lassen, seien sie doch „immerhin Zeugnis für den Stand der Glasmalerei in jener Zeitepoche.“ Die beiden Ausschnitte, die Petrus und Paulus zeigen, wurden 1933 in die zentralen Fenster der westlichen Rückwand eingelassen; der Rest der Scheiben wurde eingelagert. (ug.)