Das Grossmünster und die Zürcher Reformation
Wenn Sie heute unsere Kirche betreten, so fällt Ihnen die Kargheit und Nüchternheit des Raumes auf. Das ist eines der Ergebnisse der kirchlichen Erneuerung, die Huldrych nach seinem Amtsantritt am Grossmünster (1519) anstrebte: Altäre, Bilder, Skulpturen, Orgel - alles, was der Kirche äusserlichen Glanz verlieh und vom Hören des Wortes Gottes ablenkte, liess er aus der Kirche entfernen. Das Studium der biblischen Schriften und die Predigt des Evangeliums wurden zur sammelnden Kraft des Gemeindelebens. Zwinglis Predigten hatten eine grosse, über die Stadt hinausreichende Wirkung. Sie appellierten an die Bevölkerung und warben um Zustimmung für das, was vom Evangelium her in der Kirche verändert werden musste. Seine Verkündigung schlug aber auch Töne an, die für den Zürcher Staat zur Herausforderung wurden. Um nur ein Beispiel zu nennen: Zwingli kritisierte den Solddienst und verglich ihn mit dem Fleischhandel. Er rührte damit an das einträgliche Geschäft der Söldnerführer und Pensionenherren und forderte eine Neuordnung der Politik. Der Zürcher Rat erkannte, dass dem Evangelium eine gewaltige verändernde Kraft innewohnte. In der Zürcher Disputation von 1523 stimmte der Grosse Rat Zwinglis ersten Reformvorschlägen zu. Die Zürcher Kirche geriet in eine unaufhaltbare, zeitweise überstürzte Bewegung (Bildersturm, Täuferfrage), bis sie mit dem Ersatz der Messe durch den Predigtgottesdienst (1525) und die Schaffung des Ehegerichts (1525) und der Synode (1528) in geordnetere Bahnen gelenkt wurde. Zwinglis Tod in der Schlacht bei Kappel 1531 war der vorläufige Schlusspunkt einer rasanten Entwicklung. Viele Zürcher atmeten auf, einige hofften sogar, die Kirche würde zum "alten Glauben" zurückkehren.
Da wurde Heinrich Bullinger als Pfarrer ans Grossmünster gewählt. War Zwingli der impulsive Erneuerer, so war Bullinger der ruhig planende Architekt: Mit seinen Schriften
und mit seiner praktischen Tätigkeit schuf er das solide Fundament der Kirche und sicherte so die reformatorischen Neuerungen. Ihm vor allem verdanken die reformierten Kirchen ihre heutige Gestalt. Das von ihm verfasste "Zweite Helvetische Bekenntnis" (1566) galt im In- und Ausland als wichtigste Zusammenfassung reformierter Lehre und ist noch heute die verbindliche Glaubensgrundlage der reformierten Kirchen Osteuropas.
Die Zürcher Reformation hinterlässt Spuren, die bis in die Gegenwart reichen. Nur weniges sei angedeutet. Der Weg zu Demokratie und modernem Sozialstaat ist undenkbar ohne das Werk Zwinglis und Bullingers. Im Hören auf das biblische Wort hörten diese auch auf das Volk. Kirche ist nicht hierarchisch gegliederte Organisation, sondern Volksversammlung vor Gott. Eidgenössische Verwurzelung und das Bild des alttestamentlichen Gottesvolkes prägten Zwinglis Auffassung von der Kirche. So gab es in der Reformationszeit erste Ansätze zur Volksbefragung. Aber auch die Stimmen der Schwachen und Verfolgten wurden vernommen: In der Stadt wurde eine vorbildliche Armenordnung eingerichtet. Als es im Tessin zu einer Verfolgung evangelischer Christen kam, nahm der Zürcher Rat auf dringende Empfehlung Bullingers 1555 die Flüchtlinge in Zürich auf. Bildersturm und Soldverbot bildeten zunächst zwar einen künstlerischen und wirtschaftlichen Schock. Die reformierte Arbeitsethik sorgte dann aber für neuen wirtschaftlichen Aufschwung und liess, wenn auch in bescheidenem Ausmass, das Kunstleben aufblühen. Mit Nachdruck ist ferner auf die Entwicklung des Bildungswesens hinzuweisen: Da die Zürcherinnen und Zürcher von den Reformatoren zum Studium der Bibel (in ihrer Muttersprache!) angehalten wurden, lernten sie Lesen und Schreiben. Der daraus resultierende hohe Alphabetisierungsgrad der Bevölkerung in Stadt und Land trug zum wirtschaftlichen und industriellen Fortschritt Zürichs bei.
