Präsentationsfilm Sigmar Polke – Kirchenfenster:

http://vimeo.com/38156544

In 2006, Sigmar Polke won the invited competition do design the church windows for he Grossmünster in Zürich. It has taken three years to complete this ambitious project.
Seven windows in the western part of the nave consist of sliced agate, creating
brightly luminous walls of stone. The five windows to the east depict five figures from The Old Testament in stained glass (ikonoTV).

 

Sigmar Polke – Kirchenfenster Grossmünster

Im Jahr 2006 hat Sigmar Polke einen Einladungswettbewerb zur Neugestaltung von Kirchenfenstern im Grossmünster Zürich gewonnen. Nun, nach drei Jahren der Umsetzung ist das grosse Werk vollendet. Sieben Fenster im westlichen Teil des Kirchenschiffs sind aus Achatschnitten gefertigt – hell leuchtende Steinwände sind entstanden. Die fünf Fenster, die sich ostwärts anschliessen, wurden in Glas gearbeitet und zeigen fünf alttestamentliche Figuren. Sie können als Präfigurationen Christi gelesen werden und führen so auf das Christuskind in den Chorfenstern von Augusto Giacometti hin. Vielfach ist das Spiel verschiedener Zeitachsen und -ebenen, die Sigmar Polke in den Kirchenraum gelegt hat: Von der Erdgeschichte führen sie über biblische Zeiten und die Romanik bis in unsere Gegenwart.

Zum Grossmünster und zur Projektgeschichte

Das Grossmünster wurde in verschiedenen Etappen im 13. und im frühen 14. Jahrhundert erbaut. Es ist eine der wichtigsten romanischen Kirchen der Schweiz und als Wirkungsstätte Huldrych Zwinglis ein zentraler Ort der Reformation.

Im Jahr 2005 veranstaltete die Kirchgemeinde einen Wettbewerb zur künstlerischen Gestaltung der zwölf ebenerdigen Fenster im Schiff des Grossmünsters. Die eingesetzte Jury lud zu diesem Wettbewerb die folgenden Künstlerinnen und Künstler ein: Silvie Defraoui, Olafur Eliasson, Katharina Grosse, Sigmar Polke und Christoph Rütimann. Im April 2006 wurde Sigmar Polke von der Jury zum Wettbewerbssieger ernannt. Seit Herbst 2006 arbeitete der Künstler zusammen mit der Firma Glas-Mäder in Zürich an der Umsetzung der Entwürfe. Das beendete Werk wird nun der Kirchgemeinde und damit der Öffentlichkeit übergeben.

Das Gesamtprojekt

Sigmar Polke betont mit seinen zwölf Fenstern die West-Ost-Achse des Grossmünsters, indem er gleichsam eine Zeitachse in den Kirchenbau legt. Die sieben Fenster im Westen wurden – einem Mosaik gleich – aus Achat-Schnitten gefertigt, die mit Bleiruten verbunden sind. Die Halbedelsteine entstanden in einem erdgeschichtlichen Zeitalter, nach biblischer Lesart in den ersten Tagen der Schöpfung. An die sieben Achatscheiben schliessen sich auf beiden Seiten nach Osten hin fünf Glasfenster an, die alttestamentliche Gestalten zum Thema haben (der Sündenbock, Isaak, der Menschensohn, Elija und David). Sie können als Präfigurationen Christi gelesen werden und laufen damit auf die Geburt des Christuskindes zu, die Thema der Chorfenster von Augusto Giacometti aus dem Jahr 1933 ist.

Die Achatfenster

Sigmar Polke greift im romanischen Kirchenbau auf die spätantike und frühmittelalterliche Tradition zurück, dass Fensteröffnungen gelegentlich mit Steinschnitten versehen wurden. Das vielleicht bekannteste Beispiel sind die Alabasterscheiben im byzantinischen Mausoleum der Galla Placidia in Ravenna aus dem 5. Jahrhundert. Im Grossmünster gelingt es Polke, mit den Achatschnitten die Fenster und damit den gesamten hinteren Kirchenraum zu schliessen, ihn aber auch in ein leuchtendes Farbereignis zu verwandeln – es entstand das scheinbare Paradox geschlossener, aber lichtdurchlässiger und hell strahlender Wände. Die Achate zeigen dabei in ihrer Binnenzeichnung Naturbilder, die dem erdgeschichtlichen Zeitalter entstammen. Ihre intensive Farbigkeit, die sie so zeitgemäss erscheinen lässt und mitunter an Kunstströmungen der Moderne erinnert, erhielten sie jedoch oft nach dem Abbau; diese Veredelungsphase besteht aus einem beinahe alchemistisch zu nennenden Akt von Erhitzen, Einlegen in Bädern und Zufügen von Pigmenten.

Die figurativen Fenster

Bei vier der fünf figurativen Glasfenster verwendete Polke Motive aus der romanischen Buchmalerei. Die aus Kunstbänden und damit aus der mittelalterlichen Kunstgeschichte stammenden Sujets bearbeitete er am Computer und gestaltete sie völlig um. Dabei verwandelte sich das ehemals Miniaturhafte ins Monumentale, das Jahrhunderte alte Bild in eines unserer Zeit. Umgesetzt – und das war für den Künstler zentral – wurden die Entwürfe in der Glaswerkstatt mit ganz traditionellen Techniken (Schwarzlotmalerei, Glasschmelzverfahren und Verbleiung der einzelnen Teile). Polke schliesst damit an künstlerische Strategien an, die für sein Werk seit den frühen 1960er Jahren prägend sind: an die Verwendung vorgefundener und medial verbreiteter Bilder, dann aber wieder an die handwerkliche Ausführung der Werke (Polkes Rasterpunkte). Im Fenster des Menschensohns war die Vorlage eine fotografische Aufnahme, aus der der Künstler in der Neugestaltung am Computer ein geheimnisvoll oszillierendes Wechsel-Bild zwischen Kelch und Menschensohn machte.

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SIGMAR POLKE – CHURCH WINDOWS GROSSMÜNSTER
PROJEKT POLKE – STAND DER DINGE (2007)